English version below

vom 17.november bis 20.dezember 2019 verbrachte ich einen monat als volunteer auf lesvos.
meine gründe, dort hinzugehen, waren klar und zogen mich stark dorthin. seit 2015 arbeitete ich vor allem – aber nicht ausschließlich – im schulkontext mit geflüchteten kindern und deren familien. ich leitete sogenannte willkommensklassen, organisierte und führte klassenfahrten und ausflüge durch, lernte schwimmen mit den kids und die angst vor dem wasser zu überwinden. es war eine bewegende zeit und ich fand meine arbeit sehr sinnvoll, vor allem deshalb, weil ich in den „willkommensklassen“ einen geschützten raum kreieren und gestalten konnte, in welchem die kids erst mal ankommen und sich langsam auf die neue situation, kultur und sprache einstellen
konnten, bevor sie mit dem straffen alltag in den regelklassen konfrontiert wurden, wo dann alles funktionieren musste. fast täglich kamen neue kinder dazu – aufgrund der großen „flüchtlingswelle“ 2015. von 2017-2018 leitete ich meine letzte klasse. dann war schluss. es kamen nur noch wenige neue familien an. der brauhausberg als übergangswohnheim wurde dicht gemacht. die wenigen kinder, die schulpflichtig bei betreten deutschen bodens wurden, wurden direkt in regelklassen gestopft. es „lohnte“ sich nicht mehr, für die wenigen extra klassen einzurichten. in kleinen temporären lerngruppen sollte nun alles gelernt werden – 2x 45 minuten pro woche. für mich war schnell klar, das ist ein tropfen auf dem heißen stein, der viel energie zieht, aber wenig effekt erzielt. damit verließ ich den schulkontext im juli 2019.

die frage nach weiteren wirkungsmöglichkeiten in der arbeit mit geflüchteten war in mir längst laut und deutlich geworden. mit dem wissen, dass sich auf diversen inseln im mittelmeer die geflüchteten menschen „stapeln“ und nicht weiterkommen, da sie nur unter erschwerten asylum procedures ins abgeschottete europäische festland weiterkommen und quasi kaum mehr eine chance haben weiterzureisen, beschloss ich, mich zu bewegen – und zwar dorthin, wo sich am äußersten rande europas eine menschliche tragödie abspielt, von der wir zwar hören, lesen, sehen, aber kaum eine vorstellung davon haben, was wirklich geschieht. ich stellte mir die fragen: was kann ich? mit welchen meiner erfahrungen kann ich wirken, unterstützen, helfen, und vor allem mir selbst ein bild machen? da ich neben meiner lehrerinnentätigkeit parallel seit vielen jahren auch als naturpädagogin arbeite, zog es mich nach lesvos zum kleinen refugee camp PIKPA gleich neben dem flughafen von mytilini (the so called ngo south). auf diesem gelände wurde vor ca. 2 jahren ein kleiner waldkindergarten „mikros dounias“ gegründet, der durch forrest education local and refugee children and their parents zusammenbringt. durch meine erfahrung in diesem arbeitsfeld sollte es meine aufgaben sein, mit geschultem blick vor allem das pädagogische team zu unterstützen und anregungen zu geben. das passte. hier flossen für mich mehrere aspekte zusammen: erfahrung mit refugee kids and their families, erfahrung als naturpädagogin und lehrerin. die frage nach sinnvollen wirkungsmöglichkeiten war beantwortet. es kam dann alles anders, als gedacht. PIKPA war aufgrund verschiedener faktoren nicht voll belegt, weshalb nur wenige kinder den kindergarten besuchten bzw. war nicht klar, ob dieses camp durch das griechische anouncement, alle illegal betriebenen bzw. besetzten objekte bis 5. dezember zu räumen, auch das besetzte grundstück von PIKPA betreffen würde. zum glück war das nicht der fall. gleichzeitig gab es in mikros dounias, dem waldkindergarten, durch verschiedene umstände „zu viele“ volunteers. ich zögerte nicht lange und suchte mir einen neuen wirkungsort, an welchem jede helfende hand von nöten war. so kam ich ins community center „one happy family“. dort bot sich mir ein anblick, den ich so schnell nicht vergessen werde. ca. 1000 geflüchtete menschen aller altersklassen und verschiedener kulturen verbrachten dort ihren tag, um der situation in moria und karatepe zu entfliehen. ehrlich geasgt, so viele geflüchtete auch noch auf relativ engem raum hatte ich vorher nicht zu gesicht bekommen. zu beginn war ich von diesem bild enorm irritiert und konnte meine emotionen innerlich kaum steuern. das war der moment, in dem mir bewusst wurde, dass wir in unserem sicheren umfeld in deutschland einfach wirklich keine ahnung davon haben, was sich hier tagtäglich abspielt. sooooo viiiiieeeele menschen, die z.b. auf lesvos festsitzen und auf ein neues leben warten und hoffen. ich war überwältigt und den tränen nah. doch beim eintauchen into „one happy family“ wurde mir auch klar, dass dies ein ort ist, der mit hingabe, kreativität, good sprits, viel erfahrung und respekt von montag-freitag von 10-16:30 eine kleine oase nicht für, sondern mit refugees, bietet. ich entschied, dort als volunteer zu bleiben und konnte vor allem meine erfahrungen als pädagogin gut mit einbringen und verbrachte viel zeit mit den kindern und unbegleiteten minderjährigen dort. ich hörte viiieeele bewegende und aufwühlende geschichten, blickte in unzählige gesichter und ließ mich berühren von vielen kleinen und großen momenten. einer dieser momente im „open space“ (wie eine kleine bühne, auf der vor allem selbstorganisiert getanzt und künstlerisches dargeboten wird) bleibt mir besonders in erinnerung und hat sich in meinem herzen verewigt. es war ein nachmittag, an welchem einige afghanische unbegleitete minderjährige teenager ihre musik auflegten und voll aufdrehten. was ich dazu zu sehen bekam, wird mir immer in erinnerung bleiben – junge männliche menschen, die voller hingabe, passion, zartheit, kraft, und für unser kulturelles verständnis mit stark ausgeprägten femininen zügen (darf ich das als „aufgeklärte“ person in der genederdebatte überhaupt so benennen? mir fällt es schwer, es anders zu beschreiben, aber das ist ein anderes thema.) sich hinreißend zur musik bewegten und sich gegenseitig spielerisch lockten und neckten. ich war so begeistert von diesem zauber – vor allem davon, dass es trotzt widriger umstände immer wieder kleine, feine magische momente geben kann, in welchen augen wieder beginnen zu leuchten. allein für solche kleinen begebenheiten bin ich „one happy family“ dankbar, dafür, dass es einen ort gibt, an welchem die not für augenblicke in den hintergrund rückt und kurzes durchatmen, entspannen und ausgelassensein ermöglicht.

ich bin erfüllt von vielen kleinen und großen berührenden erlebnissen. habe an diversen workshops zu unterschiedlichen themen teilgenommen. einer dieser workshops fand im dom von PIKPA statt zum thema „menstrual hygiene & sexual health“ (youmo.se, mensual.info). er war an die frauen des kleinen camps gerichtet und sollte 15:00 beginnen. bis 15:15 gab es außer mir und einer anderen voluntärin nur 2 teilnehmerinnen. ich war irritiert. doch dann tauchte eine kleine ältere norwegerin auf und fragte uns, ob wir mitkämen, um die frauen in ihren hütten abzuholen. klar, why not. und diese kleine frau zog los mit einer wahnsinns energie – wir hinterher – und klopfte an jede erdenkliche tür und lud jede einzelne frau persönlich ein und bat sie in den dom. für mich fühlte sich das erst komisch an, doch es klappte. schon wartend hinter den türen trat jede einzelne heraus und begrüßte uns freudig. mir wurde klar, hier gehts nur über persönlichen kontakt. der dom füllte sich mit knapp 30 frauen und einigen kindern. das thema ist heikel, dachte ich. und wieder eine überraschung, die mein vorgefertigtes bild in nichts auflöste – die frauen waren neugierig und bei der sache und stellten etliche fragen, die von einer hebamme und einer gynäkologin (beide aus schweden) beantwortet und mit diversem bild- und filmmaterial veranschaulicht wurden. am ende wurden hygieneartikel angeboten. bei den jungen frauen stieß die moon-cup auf großes interesse. neben arbeit und workshops nutzten wir die wochenenden, um die insel ein wenig zu erkunden und etwas abstand zu gewinnen. ja, wir konnten das. wir waren privilegiert. und immer wieder tauchte die frage auf, muss ich mich schlecht fühlen, weil ich privilegiert bin und in einem reichen land leben kann und diese tatsache u.a. für die not anderer sorgt? diese frage wurde zur kernfrage und breit diskutiert. meine antwort darauf: nein, ich muss mich nicht schlecht oder schuldig fühlen. ich konnte nicht frei wählen, wohin ich geboren wurde. ich hatte glück und es ist im wohlsituierten teil europas. wer und was wäre ich heute, wenn ich z.b. in afghanistan zur welt gekommen wäre? wäre ich verschleiert – most certainly. wäre ich mutig genug, um mich auf den weg zu machen auf der suche nach einem friedlichen zuhause – auf einem gummiboot übers mittelmeer?? könnte ich meine familie zurücklassen? viele fragen tauchen immer wieder auf. welche fragen hättest du? wie würdest du sie beantworten? für mich wird klar, dass es nicht um „sich-schuldig-fühlen“ geht. aber es geht darum, nicht wegzuschauen und nach eigenen kräften, möglichkeiten und kapazitäten – wo auch immer – aktiv zu werden, sich wieder berühren zu lassen, emphatisch zu sein und menschliche tragödien nicht einfach passiv zuzulassen. ein junger afghanischer mann fragte mich auf dem spielplatz von „one happy family“: bist du wirklich so weit hierher gereist und hast deinen alltag und alles hinter dir gelassen, um uns hier zu helfen? ja, das habe ich…


♡dini

 English version 

from november 17th to december 20th, 2019 i spent one month as a volunteer on lesvos. my reasons for going there were clear and pulled me there strongly. since 2015 i have been working primarily – but not exclusively – in a school context with refugee children and their families. i managed so-called welcome classes, organized and conducted class trips and excursions, learned to swim with the kids and to overcome the fear of the water. it was a moving time and i found my work to be very meaningful, above all because i was able to create and design a protected space in the „welcome classes“ in which the kids arrive first and slowly adapt to the new situation, culture and language could set before they were confronted with the tense everyday life in the regular classes, where everything had to work. new children were added almost every day – due to the large “wave of refugees”. from 2017-2018 i managed my last class. then it was over. only a few new families arrived. the „brauhausberg“ as a temporary refugee dormitory was closed. the few children who became compulsory school when they entered german soil were immediately crammed into regular classes. it was no longer “worthwhile” to set up for the few extra classes. everything should now be learned in small temporary study groups – 2x 45 minutes per week. it quickly became clear to me that this is a drop in the bucket that draws a lot of energy but has little effect. i left the school context in July 2019. the question of further effects in working with refugees had long since become loud and clear in me. knowing that the refugees are “stacking up” on various islands in the mediterranean sea and are not getting anywhere, as they can only get to the isolated mainland of europe under difficult asylum procedures and have virtually no chance of traveling anymore, i decided to travel – there , where a human tragedy is taking place on the outermost edge of europe, of which we hear, read, see, but have little idea of what is really going on. I asked myself the questions: what can i do? with which of my experiences can i work, support, help, get an idea of the situation myself? since i have been working as a nature teacher in addition to my teaching work for many years, i was drawn to lesvos for the small refugee camp PIKPA right next to mytilini airport (the so called ngo south). on this site a small forest kindergarten „mikros dounias“ was founded about 2 years ago, which brings together through forrest education local and refugee children and their parents. based on my experience in this field, it should be my job to support the pedagogical team with a trained eye and to give suggestions. that fit. for me, several aspects came together here: experience with refugee kids and their families, experience as a nature teacher and teacher in general. the question of meaningful effects was answered. then everything turned out differently than expected. PIKPA was not fully occupied due to various factors, which is why only a few children attended kindergarten or it was not clear whether this camp was cleared by the greek anouncement to vacate all illegally operated or occupied objects by december 5, including the occupied property of PIKPA would concern. luckily that was not the case. at the same time there were “too many” volunteers in mikros dounias, the forest kindergarten, due to various circumstances. i did not hesitate long and looked for a new place of work, where every helping hand was needed. this is how i came to the community center “one happy family”. there was a sight that i will not soon forget. around 1,000 refugees of all ages and different cultures spent their day there to escape the situation in moria and karatepe. honestly, i had never seen so many refugees in a relatively small space before. at the beginning i was extremely irritated by this picture and could hardly control my emotions internally. that was the moment when i realized that in our safe environment in germany we simply have no idea what is going on here every day. sooooo maaaany people who e.g. stuck on lesvos and waiting for a new life and hope. i was overwhelmed and could have cried. but when I plunged into „one happy family“ it also became clear to me that this is a place that with devotion, creativity, good sprits, lots of experience and respect from monday to friday from 10-16: 30 a little oasis not for, but with the refugees. i decided to stay there as a volunteer and, above all, was able to bring in my experience as an educator and spent a lot of time there with the children and unaccompanied minors. i heard many touching and moving stories, looked into countless faces and let myself be touched by many small and large moments. one of these moments in the “open space” (like a small stage on which dancing is self-organized and artistic is performed) is something that i particularly remember and has immortalized in my heart. it was an afternoon when some afghan unaccompanied teenagers put on their music and turned it on. what i got to see will always be remembered – young male people, full of devotion, passion, tenderness, strength, and for our cultural understanding with strong feminine features (may i as an „enlightened“ person in the gender debate name it like this? i find it difficult to describe it differently, but that’s another topic.) moved gorgeous to the music and lured and teased each other playfully. i was so enthusiastic about this magic – especially that despite the adverse circumstances there can always be small, fine magical moments in which eyes start to shine again. for such small moments alone, i am grateful for “one happy family”, for the fact that there is a place where the need for moments fades into the background and allows you to take a deep breath and be relaxed. i am filled with many small and large touching moments. i took part in various workshops on different topics. one of these workshops took place in the PIKPA dome on the subject of “menstrual hygiene & sexual health” (youmo.se, mensual.info). it was addressed to the women of the small camp and should start at 3:00 pm. until 15:15 there were only 2 participants apart from me and another volunteer. i was irritated. but then a small older norwegian woman showed up and asked us if we would come to pick up the women in their huts. sure, why not. and this little woman set off with an immense energy – we followed – and knocked on every conceivable door and invited every single woman personally and asked her to the dome. it felt strange to me, but it worked. waiting behind the doors, every one came out and greeted us joyfully. i realized that this is only possible through personal contact. the dome filled up with almost 30 women and some children. the topic is delicate, i thought. and another surprise hat made my pre-made picture vanish – the women were curious about the matter and asked a number of questions, which were answered by a midwife and a gynecologist (both from sweden) and illustrated with various pictures and film material. in the end, hygiene articles were offered. the moon-cup met with great interest among the young women. in addition to work and workshops, we used the weekends to explore the island a little and gain some distance. yes we could. we were privileged. and a certain question came up again and again, do i have to feel bad because i am privileged and can live in a rich country and this fact among other things cares for the needs of others? this question became a key issue and was widely discussed. my answer: no, i don’t have to feel bad or guilty. i couldn’t choose where i was born to. i was lucky and it is in the well-off part of europe. who and what would i be today if i e.g. would have been born in afghanistan? would i would be veiled – most certainly. would i be brave enough to make my way looking for a peaceful home – on a rubber boat across the mediterranean? could i leave my family behind? many questions keep popping up. what questions would you have? how would you answer them? it becomes clear to me that it is not about “feeling guilty”. but it is about not looking away and taking action, wherever possible, to be touched again, to be emphatic and not simply to allow human tragedies passively. a young afghan man asked me on the playground of „one happy family“: did you really travel so far and left your everyday life and everything behind just to help us here? yes, i have…

♡dini