No Name Kitchen – Aktivismus in Serbien & Spendenaufruf

“Es war Mitternacht. Wir liefen durch einen Wald in Kroatien als die Polizei uns stoppte. Ich sagte ihnen, dass ich Asyl suche weil mein Leben in meinem Heimatland in Gefahr ist, aber sie lachten uns nur aus und begannen uns mit ihren Schlagstöcken zu verprügeln…“

Das ist die Geschichte von Idris, der an der kroatischen Grenze ohne Chance auf ein Asylverfahren oder überhaupt die Möglichkeit seinen Fall zu erklären, von der Polizei direkt nach Serbien zurückgedrängt wurde. Es ist eine von unzähligen Geschichten, denn diese sogenannten “Push backs“, die gegen europäisches Menschenrecht verstoßen, passieren im Balkan jeden Tag.
Menschen, die ihr Zuhause in Hoffnung auf ein sicheres Leben verlassen haben und meistens schon über Jahre unterwegs sind, werden so an der EU-Außengrenze verprügelt, von Polizeihunden attackiert, gezwungen sich bis auf die Unterwäsche auszuziehen. Ihre Zelte werden verbrannt, ihre Handys zertrümmert.

Wir, die No Name Kitchen, sind eine kleine unabhängige Organisation, die an der serbisch-kroatischen Grenze arbeitet.
Wir unterstützen Menschen, die auf ihrem Weg nach Europa hier stecken geblieben sind mit warmen Mahlzeiten, Kleidung und medizinischer Hilfe. Außerdem zeichnen wir Fälle von Polizeigewalt an den Grenzen auf, um die Systematik die dahintersteckt für die Öffentlichkeit sichtbar zu machen. Uns ist es wichtig, den Menschen mit denen wir arbeiten auf Augenhöhe zu begegnen und sie nicht als  hilfsbedürftige Masse, sondern als selbstbestimmte Individuen zu sehen.

Um unsere Arbeit hier am Laufen zu halten, würden wir uns super über einige gespendete Taler freuen! Zeigt euch solidarisch, kämpft mit für eine Welt ohne Grenzen, denn es ist nicht unser Recht zu entscheiden wer ein sicheres Leben verdient und wer nicht.

Viele liebe & solidarische Grüße aus Serbien! Fuck Borders! :)

Lilli

  English version below

vom 17.november bis 20.dezember 2019 verbrachte ich einen monat als volunteer auf lesvos.
meine gründe, dort hinzugehen, waren klar und zogen mich stark dorthin. seit 2015 arbeitete ich vor allem – aber nicht ausschließlich – im schulkontext mit geflüchteten kindern und deren familien. ich leitete sogenannte willkommensklassen, organisierte und führte klassenfahrten und ausflüge durch, lernte schwimmen mit den kids und die angst vor dem wasser zu überwinden. es war eine bewegende zeit und ich fand meine arbeit sehr sinnvoll, vor allem deshalb, weil ich in den „willkommensklassen“ einen geschützten raum kreieren und gestalten konnte, in welchem die kids erst mal ankommen und sich langsam auf die neue situation, kultur und sprache einstellen
konnten, bevor sie mit dem straffen alltag in den regelklassen konfrontiert wurden, wo dann alles funktionieren musste. fast täglich kamen neue kinder dazu – aufgrund der großen „flüchtlingswelle“ 2015. von 2017-2018 leitete ich meine letzte klasse. dann war schluss. es kamen nur noch wenige neue familien an. der brauhausberg als übergangswohnheim wurde dicht gemacht. die wenigen kinder, die schulpflichtig bei betreten deutschen bodens wurden, wurden direkt in regelklassen gestopft. es „lohnte“ sich nicht mehr, für die wenigen extra klassen einzurichten. in kleinen temporären lerngruppen sollte nun alles gelernt werden – 2x 45 minuten pro woche. für mich war schnell klar, das ist ein tropfen auf dem heißen stein, der viel energie zieht, aber wenig effekt erzielt. damit verließ ich den schulkontext im juli 2019.

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Ein paar Zahlen

An der Nordküste auf Lesbos kamen seit dem neuen Jahr 271 Geflüchtete in 6 Booten an. Davon waren 141 unter 18 Jahre alt, 32 unbegleitete Miderjährige.

(Stand: 10.01.20)

Bericht Nordlesbos

Vom 21. Oktober bis 22. November 2019 arbeitete ich ehrenamtlich für vier Wochen an der Nordküste von Lesbos im Bereich der Flüchtlingshilfe.
In meiner ersten Nacht in Griechenland war ich gleich Bestandteil des Teams, das sich im Transitcamp um die Menschen kümmert, welche die Überfahrt von der Türkei nach Griechenland geschafft haben. Insgesamt kamen in dieser Nacht zwei Boote an. Diese Überfahrten verlaufen längst nicht immer problemlos und so ist es keine Seltenheit, dass die Menschen nass ankommen. Auf dem ersten Boot war ein Mann mit einer leichten Unterkühlung. Ich half ihm aus den nassen Klamotten, wickelte ihn in eine Decke und brachte ihm trockene Kleidung. Das war der Beginn meiner freiwilligen Arbeit dort, die Erfahrungen werden mich sicher nicht mehr loslassen.
Nachdem dann alle Menschen mit Sachen, etwas zu essen und Tee versorgt waren, ging es gegen 5 Uhr wieder zurück in meine Unterkunft. Auf dem Weg dorthin ging mir das Erlebte durch den Kopf. Ich dachte an einen 60 jährigen Mann, der trotz Herzerkrankung diese Reise auf sich nahm und nun in diesem Zwischenlager versuchte, zur Ruhe zu kommen. Zuhause angekommen, aß ich eine Schale Müsli und legte mich kurz hin, bevor der nächste Ruf kam, dass ein Boot kommt. Also ging es zurück und das Prozedere startete erneut. Insgesamt waren nun 96 Menschen in diesem Lager. Als sie am Nachmittag mit einem Bus der Hellenic Coast Guard abgeholt wurden, war das etwas verstörend. Ich muss sagen, dass das was ich jetzt erzähle ein Einzelfall war und ich in der Folge solche Szenen so nicht mehr erlebte. Es begann damit, dass der Busfahrer bevor die Menschen in den Bus stiegen, Gummihandschuhe und Mundschutz anlegte. Scheinbar war es kein Widerspruch für ihn, trotzdem die umherstreunenden Hunde und Katzen dort zu streicheln. Meine Aufgabe war den Menschen eine Flasche Wasser mit auf den Weg zu geben. Ich stand also neben der hinteren Eingangstür des Busses, gab ihnen Wasser und wünschte ihnen „Viel Glück“ (auf Farsi: Mo´afagh Bashed). Einige waren gehetzt, andere bedankten sich, lächelten und verabschiedeten sich. Aber wie gesagt es waren 96 Menschen. Der Bus hatte 47 Sitzplätze. Ich hätte mir im Leben nicht vorstellen können, dass alle dort hinein passen. Zumal auch viele große Plastiksäcke mit der gesamten Habe mit mussten. Der Busfahrer schrie und drückte die Menschen auf sehr grobe Weise hinein. Am Ende gelang es tatsächlich die Tür zu schließen. Ich blickte in die Gesichter der Menschen einige lächelten noch und grüßten, andere – besonders die Mütter – blickten sehr besorgt. Es war eine unwirkliche Situation. Ich und die anderen Volunteers winkten ihnen zu, aber im Gedanken war ich sehr zerrissen. Denn ich wusste, dass es für sie nach Moria* geht. Auch wenn ich es zu diesem Zeitpunkt nur von Bildern und Zeitungsartikeln kannte und es mehr eine Vorstellung denn ein klares Bild war, fühlte es sich seltsam an.

* Das größte Flüchtlingslager der Insel. Es trägt den Namen, der angrenzenden kleinen Ortschaft und befindet sich in unmittelbarer Nähe zu Mytilini, der größten Stadt auf Lesbos. Ursprünglich ausgelegt für 3000 Menschen leben heute zwischen 13 000 und 16 000 Menschen dort (Zahlen abweichend).

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Griechenland (Festland)

„Europa“ setzt sich aus den griechischen Worten eurýs und óps zusammen, das heißt übersetzt „die mit der weiten Sicht“. Europa hat schon lange keine weite Sicht mehr. Ehrlich gesagt dreht sich Europa gerade vor ziemlich vielen Dingen weg. Wir gucken auf den Brexit und auf Trump, darauf dass die Deutsche Bahn sich schon wieder verspätet und der Cappuccino teurer geworden ist. Manchmal gucken wir sogar die Nachrichten. Das, was wir nicht sehen und auch nicht sehen wollen ist, was gerade an Europas Außengrenzen geschieht.

In Griechenland stecken im Moment rund 70.000 Geflüchtete fest. Viele befinden sich im Asylverfahren, das sich oft über Jahre hinzieht; die Termine für die Interviews, in denen die Menschen überhaupt erst ihren Fall der Asylbehörde vorstellen können, liegen mittlerweile zwischen 2021 und 2025. Das bedeutet, dass Menschen Jahre lang in Camps irgendwo in der griechischen Pampa ausharren müssen, ohne arbeiten oder studieren zu können, und auf einen bürokratischen Beschluss warten, der über ihr weiteres Leben entscheiden wird. Lange in Ungewissheit zu warten, keine Perspektiven und wenig Selbstbestimmtheit zu haben ist zermürbend und frustrierend. Viele der Menschen die ich in Griechenland getroffen habe sind einfach nur müde von dem Leben, was sie gerade dort führen müssen. Es ist nicht das Leben, für das sie aus ihrer Heimat geflohen sind. Sie verdienen genauso wie wir ein sicheres und würdevolles Leben.

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Nordlesbos

„In 20 min am HQ“, weckt uns ein Anruf morgens um 04.30. Das HQ (Headquarter), ist eine Ferienwohnung in einem kleinen idyllischen Fischerdorf an der Nordküste von Lesbos, Balkonblick zur nur wenige Seemeilen entfernten türkischen Küste. Hier finden die Debriefings nach so einer Nacht, wie der im Folgenden beschriebenen, statt. Auch die Einarbeitung und Fortbildung der Freiwilligen, die für mehrere Wochen bis Monate hier auf eigene Kosten helfen, wird hier durchgeführt. An welchen Kriterien erkenne ich ein Flüchtlingsboot im Fernglas und Nachtsichtgerät? Wie die verschiedene Behörden-, Frontex- oder NATO-Boote? Wie schätze ich Entfernungen auf dem Wasser und wie manövriere ich von Land aus die Schiffscrew unseres SAR-Schnellbootes, damit diese auf dem Wasser eine sichere Landung, der über das Meer kommenden Menschen, gewährleisten kann. Wie sieht die Ersthilfe bei Unterkühlung und anderen medizinischen Notfällen aus?

Wir fahren gemeinsam mit vier anderen Volunteers ins Notfall-Camp „Stage 2“, das einige Kilometer von der Küste entfernt liegt und in das nach und nach alle neu Angekommenen vom UNHCR und der Polizei gebracht werden, um sich erst einmal von der Überfahrt auszuruhen. Unser Koordinator gibt uns eine kurze Lagebeschreibung: 1 Boot mit ca. 50 Menschen an Bord ist direkt am Leuchtturm Korakas gelandet und wurde dort von den Volunteers, die dort mit Nachtsichtgeräten in kalten 30 Minuten andauernden Schichten das Meer scannen, gleich entdeckt. Ein 2. Boot wurde von der griechischen Küstenwache „intercepted“ und wird aktuell in den Hafen des Fischerdorfes gebracht. Im Auto werden noch Aufgaben verteilt: Tee kochen, das große Zelt mit Matten auslegen, die UNHCR-Decken oder Wasser verteilen. Durchgefrorene oder durchnässte Kinder und Erwachsene bekommen möglichst schnell warme und vor allem trockene Kleidung.

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Redebeitrag

Für eine direkte Aufnahme Geflüchteter in Potsdam!

Ich spreche im Namen der Initiative Potsdam-Konvoi. Wir sind Potsdamerinnen und Potsdamer, die sich für Solidarität mit Flüchtenden in europäischen Krisengebieten einsetzen.

Seit Beginn unserer Arbeit 2016 können wir zuschauen, wie sich die humanitäre Katastrophe, die sich an den Außengrenzen der EU abspielt, sehenden Auges oder besser gesagt, politisch bewusst forciert, verschlimmert. Und damit ist nicht nur die Situation in Griechenland gemeint, denn im direkten Zusammenhang dazu stehen die Reaktionen der Europäischen Länder und Institutionen.

Die Geflüchteten, die es auf die griechischen Inseln geschafft haben, leben größtenteils noch in provisorischen Zeltstädten. Menschen werden teilweise seit Jahren dort festgehalten, damit sie nach einer Vorprüfung im Rahmen des EU-Türkei-Abkommens schnell in die Türkei abgeschoben werden können. Das Camp Moria auf Lesbos, in dem jeden Winter Leute an den Folgen der Kälte sterben, wurde so zum Symbol des europäischen Versagens. Diese menschenunwürdigen Zustände an den Außengrenzen sind politisch so gewollt und nur ein Teil der inzwischen offen Menschenrechte missachtenden Abschreckungs- und Abschottungspolitik der Europäischen Union, die von der Bundesregierung mitverantwortet wird.

Dazu gehören neben dem EU-Türkei-Deal auch die Dublin-Verordnungen sowie die immer dreistere, jegliche Übereinkünfte und internationales Recht unterwandernde Kriminalisierung von privaten Seenotrettungsdiensten im Mittelmeer, um nur einige Elemente der aktuellen tödlichen Strategie zu nennen.

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