Birthday Club

Wir stehen in einer kleinen Bäckerei in Kalochori und suchen eine Torte für die 10-jährige Lavrin* aus, die heute Geburtstag hat. Anschließend kaufen wir ihr noch ein Geschenk, bevor wir dann als Clown, Tweety und Schlumpfine verkleidet, mit weiteren Kostümen für die Kinder im Gepäck, an die Tür klopfen.
7 Kinder kommen uns aufgereget entgegen gerannt und gemeinsam feiern wir mit Luftschlangen, Luftballons, Twister und Prinz_essinenkronen Geburtstag. Die meisten der ebenfalls heute anwesenden Kinder kennen sich noch aus dem ehemaligen Camp Kalochori, andere aus der neuen bzw. vorrübergehenden Nachbarschaft. Kein Kind wird vergessen und jede_r von ihnen bekommt eine kleine Geburtstagsüberraschung. Es sind viele Gäste da und auch die Erwachsenen schnappen sich schüchtern einige Kostüme und haben Spaß. Ein geflüchteter Freiwilliger übersetzt und gemeinsam verbringen wir einen lustigen Nachmittag fernab vom ewigen Warten aufs Weiterkommen, das den Alltag der Familien sonst so prägt. Das Ganze geschieht im Rahmen des Projekts „Birthday Club“. Dieser soll es Kindern auf der Flucht ermöglichen, trotz mitunter miserabler Zustände einen „ganz normalen“ Geburtstag feiern zu können.
*Namen geändert

 

 

 

 

 

Dann erzählt er uns seine Geschichte…

Wir sind zurück in Kalochori, in der Nähe von dem Camp, in dem wir im Herbst halfen. Das Camp ist inzwischen geräumt und die Menschen in Wohnungen oder Hotels untergebracht, wo sie auf ihre Umsiedlung in ein anderes Land warten. Doch vorher müssen sie 3 Interviewtermine wahrnehmen, in denen sie nach allem gefragt werden – sogar, was ihr Lieblingsessen ist. Viele warten seit über einem Jahr auf die Nachricht, dass sie relocated werden. Innerhalb von einer Woche müssen sie dann meist nach Athen, von wo aus sie in ein anderes Land geschickt werden. Währenddessen warten die illegalisierten Menschen in verwitterten Ruinen auf Möglichkeiten, irgendwie weiter zu kommen. Werden sie erwischt, wird ihnen alles abgenommen und sie werden zurück geschickt. Bei den Räumungen der Spots, an denen sich die obdachlosen Flüchtenden sammeln, werden auch viele verhaftet.

Ein Flüchtender zeigt uns Bilder aus dem Winter, als noch viele Menschen in Camps untergebracht waren. Eine 10cm dicke Schneedecke liegt auf den Zelten, die teilweise draußen stehen und kaum wasserdicht sind. Dann erzählt er uns seine Geschichte. Der IS hat 2014 sein gesamtes Dorf gefangen genommen. Er sah, wie Babys, Mütter, Schwangere und Alte ermordet wurden. Er war sich sicher, er würde auch sterben. Tagelang haben die Gefangenen nur eine Scheibe Brot am Tag und ein Glas Wasser zu essen und trinken bekommen. Als ich frage, ob sie ihm weh getan hatten, antwortete er nur: „Oh ja.“ Der IS erzählte seiner Freundin, er sei tot. Doch er floh, versteckte sich tagelang in einem Hühnerstall, wanderte ohne Nahrung oder Wasser durch verlassenes Gebirge, bis er schließlich die Grenze erreichte. Doch seine Freundin hat inzwischen geheiratet und es nach Deutschland geschafft. Kurz danach starben seine Eltern. Um seinen Vater vor dem Krebs zu retten und sich die Chemotherapie leisten zu können, verkaufte er all sein Hab und Gut. So verlor er alles, was er hatte. Mit einem angedeuteten Schmunzeln zeigt er auf seine seit der Gefangenschaft dünnen Arme und meint: „Sogar die Muskeln nahmen sie mir“. Trotzdem lacht er viel und wirkt glücklich. Ich frage ihn, ob er seine Geschichte manchmal vergessen kann. Er verneint es. Nach all dem, was er erlebt hat, glaub er auch nicht mehr an Gott. Aber er ist stark, sagt er. Heute ist er selbst Freiwilliger, übersetzt und organisiert Geburtstagspartys für Kinder auf der Flucht. Doch auch er wartet seit über einem Jahr auf seine Relocation. Bald hat er seinen letzten Interviewtermin, bei dem er erfahren wird, in welches Land er geschickt wird.

„Für das Recht zu kommen, zu gehen und zu bleiben!“ Demonstration in Potsdam, 18.3.17

Vielen Dank auch von unserer Seite an euch gut 400 Menschen die an der Demo am Samstag teilgenommen haben, besonders auch an die OrganisatorInnen und RednerInnen! Wer im Bündnis zu dem Thema mitarbeiten möchte, sei an die Einladung zum nächsten Treffen am 2.4., 18 Uhr im Rechenzentrum (Dortustraße 46) erinnert.

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Übergabe der Relocation-Petition

Am 1. März übergaben wir gemeinsam mit der Osnabrücker Initiative „50 aus Idomeni“, Vertreter*innen von Pro Asyl, Borderline Europe und Campact sowie Aktiven aus verschiedenen Berliner Gruppen die Relocation-Petition Herrn Thiermann vom Bundesinnenministerium. Fast 47.000 Unterschriften liegen nun hoffentlich sichtbar gestapelt auf dem Schreibtisch von Thomas de Maizière. Der Übergabe war ein Pressegespräch vorausgegangen. „Übergabe der Relocation-Petition“ weiterlesen

Staub, Tanz und Fremdenhass

Ich halte mir meinen Pullover vor den Mund, als erneut ein Lastwagen vorbei fährt. Der Boden ist trocken und der Staub macht das Atmen schwer. Ein paar Schritte weiter sehe ich große Müllberge und mehrere Straßenhunde. Die einzigen Häuser sind verlassene oder noch benutzte Fabrikgebäude. Hier gibt es keine Wohnungen. Wer würde hier auch wohnen wollen? „Staub, Tanz und Fremdenhass“ weiterlesen

Ein Fernglas, Zwei Lichter, Drei müde Augenpaare

Trotz der vielen Schichten ist es immer noch kalt. Ich sitze hinten im Van auf gestapelten Kartons mit Decken und warmen Klamotten darin, halte dampfenden Chai in meinen Händen und nur mühsam meine Augen offen. Inzwischen ist es schon fast wieder hell und statt dem prasselnden Regen zieht jetzt Schnee beinahe horizontal am Fenster vorbei. Wir sind zu dritt: Ich und zwei Volunteers des NO-BORDER-SQUATS übernehmen heute die Nachtschicht. Das heißt: Von Null bis Acht Uhr morgens die Küste beobachten, um ankommende Boote „in Empfang zu nehmen“ und mit dem Nötigsten zu versorgen.

Unser Standpunkt ist zwar nicht der, wo die Entfernung zur Türkei am geringsten ist, trotzdem kommen auch hier Boote an.

Nicht nur wir stehen an der Küste bereit, sondern noch drei weitere Teams darunter eine NGO mit ausgebildeten Seenotretter*innen und Feuerwehrleuten halten Wache. Obwohl Niemand in meiner Gesellschaft bisher eine Ankunft miterleben musste, wissen sie genau bescheid was in einem solchen Fall zu tun ist und ich bekomme eine Einweisung am Anfang. „Das wichtigste: keine Panik,“ sagt Marvin, „und auf jeden Fall auf alle achten, auch auf die jungen Männer, die bei der Erstversorgung häufig eher weniger beachtet werden“. Nachdem eine*r der Helfenden das Boot an Land gezogen hat, wird eine Gasse gebildet, ggf. beim Ausziehen der nassen Klamotten geholfen oder Gehhilfe geleistet. Tee und trockene Kleidung, sowie die nötigste medizinische Versorgung werden bereitgestellt und ich lerne, wie man einem Menschen am effektivsten eine Notfall-Wärmedecke anlegt. Kurz nachdem die Flüchtenden das Land erreichen, werden Beamte der griechischen Polizei kommen und sie nach MORIA bringen damit sie dort sofort registriert werden. Ich nicke und bin ein bisschen aufgeregt.

Am Anfang der Nachtschicht kann ich auch ohne Fernglas deutlich die FRONTEX-Schiffe erkennen, die an der Türkisch-Europäischen Grenze hin und her fahren und genau wie wir nach schreienden Menschen und Händylichtern Ausschau halten. Nur die Motivation ist eine andere und ich versuche mir vorzustellen, was sie wohl während ihrer Arbeit denken und reden. Tagsüber liegen diese Schiffe ganz normal im Hafen von Mytilini.

Von dem Strand, an welchem wir Wache halten, bis zur türkischen Grenze sind es 12 Kilometer. Das ist zwar nicht die kürzeste Strecke, aber dadurch, dass den Schlauchbooten jegliche Möglichkeit der Navigation fehlt und sie in der Türkei von verschiedenen Punkten starten, variiert die Route jedes Mal. Solch ein Boot fährt die Strecke durchschnittlich in zwei bis vier Stunden. Die Schmuggler schicken die Boote mitten in der Nacht los, denn dann ist es dunkel und die Flüchtenden sind für die türkische Küstenwache am schwersten zu entdecken. Als Licht dienen nur mehrere Handtaschenlampen, welcher Gefahr und Unsicherheit die Menschen dann jedoch ausgesetzt sind, kann man sich vorstellen. Wenn alles gut geht, stranden die Boote auf Lesvos in den frühen Morgenstunden. Doch was heißt das schon…? Oft sind sie einfach unfassbar froh endlich Europa erreicht zu haben, denn in dem Augenblick glauben viele, ihr Ziel erreicht zu haben. Andere Helfende  berichten von komplett durchnässter Kleidung, heilloser Erschöpfung oder Menschen, die das Ufer nicht lebend erreichen, da sie von der Masse auf dem engen Raum totgetrampelt wurden.

Die Windschutzscheibe ist direkt auf’s Meer gerichtet. Trotzdem ist es schwierig hier etwas zu erkennen.

Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass heute Nacht etwas passiert. Trotzdem beziehen wir den Posten. Draußen rüttelt der Sturm am Auto und der Regen schlägt bald in Nebel um, dass man wirklich gar nichts mehr sieht. Meine Gedanken werden begleitet von der Hoffnung, dass heute kein Boot mehr das Land verlässt und mir wird bewusst, dass wenn es doch eines wagen sollte, es sicher nicht unversehrt hier ankommt. Als gegen fünf Uhr morgens, der Regen schlagartig aufhört, die Wellen abflachen und wir tatsächlich wieder klare Sicht haben kribbeln meine Füße vor Aufregung und Bange. Wie gut dass wir hier sind, denke ich.

Ein anderer Ort, das selbe Desaster.

Es ist 9:00 morgens, als die Fähre nach 12 Stunden Fahrt endlich den Hafen von Mytilini erreicht. Neugierig und ein wenig müde schaue ich mich um. Eine hübsche, recht touristische, kleine griechische Hafenstadt – ganz normal eigentlich. Doch was habe ich erwartet? Im Oktober, zu der Zeit als wir in Thessaloniki gearbeitet haben, sind monatlich noch knapp 3.000 Menschen auftun griechischen Inseln angekommen (Quelle: UNHCR*). Jetzt ist es kälter, das Wetter wird schlechter, doch die Boote stranden immer noch. 698 Flüchtende erreichten die Inseln allein seit Beginn dieses Jahres (Quelle: UNHCR, Stand 17.01.2017). Dadurch lässt sich erahnen, dass sie Situation hier nochmal komplett andere Eindrücke birgt, als die der Camps in Nordgriechenland. Die Menschen die in durchnässten Klamotten aus den kleinen Schlauchbooten steigen und dann in Lagern und Squats auf ihre Interviews warten befinden sich in einem ganz anderen Abschnitt ihrer Flucht. Ein weiter Weg liegt vor ihnen. „Ein anderer Ort, das selbe Desaster.“ weiterlesen