Hungerstreik und Sexismus in der deutschen Botschaft

Seit dem 1. November befinden sich auf dem Syntagma Platz im Zentrum Athens sieben Frauen* und sieben Männer* im Hungerstreik. Sie schlafen in Zelten auf dem Bürgersteig, direkt gegenüber vom griechischen Parlament. Ihre Forderung geht auch direkt an Griechenland aber auch direkt an Deutschland, denn alle von ihnen haben Familienangehörige in Deutschland. Seit Monaten und Jahren warten sie auf die Familienzusammenführung. „Hungerstreik und Sexismus in der deutschen Botschaft“ weiterlesen

Zurück im „besten Hotel Europas“

Nach 3 Monaten sind wir wieder zurück in Athen. Unsere ersten Schritte gehen ins City Plaza Hotel, wo wir schon zuvor fünf Monate gelebt und unterstützt haben. Auf den ersten Blick scheint alles beim Alten zu sein. Die selben Bilder, viele bekannte Gesichter und ein buntes Durcheinander. Doch schon bei den ersten Gesprächen mit bekannten Menschen erfahre ich, dass es einige Veränderungen gibt.

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Duschen?

Schüchtern fragen wir nach 2 Tagen, wo wir auf dem Gelände eine Dusche nehmen können. Daraufhin bekommen wir nur ein Achselzucken und den Blick aufs Meer als Antwort. Doch dieses ist noch sehr kalt, voller Seeegel und Schlauchbootmüll und bietet keine Privatsphäre. Wir beschließen, eine Dusche zu bauen. Aus einem alten Gestell, das in unserem Container als Bettengerüst dient, flexen wir das Gerüst der Dusche, das wir auf alte Holzpaletten stellen. Eine zuvor als Schattenspender fungierende grüne Plane wird zum Duschvorhang. Ein Prinzip von NBK lautet: Nur das aller Nötigste wird gekauft. Ein ehemaliger Klempner installiert Wasser und Duschkopf und der Duschspaß kann beginnen. Unsere Konstruktion wird von allen Vorbeikommenden freudig kommentiert. Später erklären sie uns, dass sie zum Duschen sonst ins Camp fahren müssen, das sie eigentlich meiden. Nun gibt es im Squat wenigstens eine Dusche für über 100 Menschen.

!UPDATE!

Momentan befinden sich viele Aktivist_innen in Moria und außerhalb im Hungerstreik. Die Polizei geht mit äußerster Härte gegen sie vor. Die Situation auf Lesbos ist skandalös: https://noborderkitchenlesvos.noblogs.org/post/2017/07/30/749/

Wir solidarisieren uns mit den Protestierenden und verurteilen die Polizeigewalt auf das Schärfste!

Schlauchbootmüll

Unsere 1. Aufgabe wird es sein, den eigentlich wunderschönen Strand und die angrenzende mit Olivenbäumen bestückte Wiese, die auch zum besetzten Gelände gehören, vom Müll zu befreien. Wir schnappen uns Müllsäcke und Handschuhe und gemeinsam mit ein paar motivierten Flüchtenden reinigen wir das Gelände. Dabei stoßen wir auf unzählige Teile ehemaliger Schlauchboote, die überall verstreut liegen. „Schlauchbootmüll“ weiterlesen

Inselrealität

Umgeben von reichen Urlauber_innen fahren wir mit der Fähre von Athen nach Lesbos. Wir fühlen uns fremd und unwohl. Trotz Bilder und Erfahrungsberichten können wir uns nicht wirklich ausmalen, was auf dieser Insel auf uns zukommen wird. Noch viel weniger können wir uns vorstellen wie es sich richtig anfühlen kann, Urlaub auf einer Insel zu machen, auf der Tausende von Flüchtende unter miserablen Zuständen seit Monaten, einige seit über einem Jahr, festsitzen. Insgesamt sind auf den Ägäischen Inseln über 15.000 Flüchtende gefangen. (Quelle: Pro Asyl)

Etwa 12 Stunden dauert die Überfahrt von Athen und als wir ankommen, sehen wir in naher Entfernung schon die die Türkei. Doch zunächst springt uns das Frontex-Schiff mit der Aufschrift „BORDER PROTECTION“ ins Auge. Ein netter Name für das, was sie tun, wie Menschen in überfüllten Schlauchbooten am Anlegen zu hindern.

Als wir auf den Bus zur No Border Kitchen warten, treffen wir einen Flüchtenden, der für seinen 1. Interviewtermin ins Moria-Camp fährt. Leben möchte und kann er dort nicht, die Bedingungen sind so schrecklich, dass er es nicht aushält. In unserem Bus sitzen nur Flüchtende – Griech_innen nehmen andere Buslinien.

Als wir aussteigen und den NoBorder-Squat sehen, können wir es kaum glauben.

Etwas aufgeregt und ein wenig stolz zeigt uns einer der Helfenden, der seit knapp einem Jahr dort lebt, das Gelände, das aus 2 großen und einer etwas kleinere Ruine besteht. Nur eine kleine Olivenbaumplantage trennt den Squat vom Meer. Etwa 100 Flüchtende und einige Europäer_innen leben hier und im ersten Moment fühlen wir uns sehr unwohl mit der Vorstellung, dass das auch erstmal unser Zuhause sein wird. Wir schlafen mit 6 anderen in einem kleinen muffigen Container auf dem Dach des Hauptgebäudes. Je nach Herkunftsland teilen sich die Flüchtenden die Gebäude untereinander auf. Anfangs sind wir geschockt von den Umständen und der Tatsache, dass nur Männer* hier leben. Wir haben auch ein bisschen Angst. Doch schon ein paar Stunden später ist der erste Schock verdaut und wir haben uns schnell an die Umstände gewöhnt.

Es fühlt sich falsch an, dass die Flüchtenden hier wie in einem Gefängnis festsitzen und wir jederzeit den Squat und die Insel verlassen können. Wenn die Flüchtenden versuchen, die Fähre zu nehmen, kommen sie zunächst ins Gefängnis des Moria-Camps. Ein Flüchtender zeigt mir seine Narben von den Misshandlungen der griechischen Polizei, die zu fünft auf ihn einschlugen und -traten und ihm dort Brust und Bein brachen. Anschließend werden sie in die Türkei abgeschoben, wo sie für etwa 1 Jahr inhaftiert werden, bis sie in ihre Heimatländer deportiert werden. Wenn sie beispielsweise aus Marokko kommen, werden sie auch dort nochmal für 2 Jahre ins Gefängnis gesteckt. Ein Marokkaner zeigt bei einem Gespräch weitere Narben. Die Polizei hat brennende Zigaretten auf seinen Armen ausgedrückt. Als er sich weigerte, sich Handschellen anlegen zu lassen, versuchten sie ihm die Hände abzuschneiden. Unfassbar und kein Einzelfall. „Sie hätten ihr Heimatland ja nicht verlassen und später nicht versuchen müssen, eine Fähre zu betreten…!“ Flüchtende aus Marocco und Algerien haben keine Chance auf Asyl in Europa.  Und sogar Menschen aus dem von Taliban terrorisierten Afghanistan wird kaum noch kein Bleiberecht gewährt. Ihnen bleibt nur, den illegalisierten Weg mit großen Risiken zu versuchen oder viele Monate lang auf ihre Abschiebung zu warten.

zur Situation in Afghanistan: Afghanistan ist nicht sicher!

Birthday Club

Wir stehen in einer kleinen Bäckerei in Kalochori und suchen eine Torte für die 10-jährige Lavrin* aus, die heute Geburtstag hat. Anschließend kaufen wir ihr noch ein Geschenk, bevor wir dann als Clown, Tweety und Schlumpfine verkleidet, mit weiteren Kostümen für die Kinder im Gepäck, an die Tür klopfen.
7 Kinder kommen uns aufgereget entgegen gerannt und gemeinsam feiern wir mit Luftschlangen, Luftballons, Twister und Prinz_essinenkronen Geburtstag. Die meisten der ebenfalls heute anwesenden Kinder kennen sich noch aus dem ehemaligen Camp Kalochori, andere aus der neuen bzw. vorrübergehenden Nachbarschaft. Kein Kind wird vergessen und jede_r von ihnen bekommt eine kleine Geburtstagsüberraschung. Es sind viele Gäste da und auch die Erwachsenen schnappen sich schüchtern einige Kostüme und haben Spaß. Ein geflüchteter Freiwilliger übersetzt und gemeinsam verbringen wir einen lustigen Nachmittag fernab vom ewigen Warten aufs Weiterkommen, das den Alltag der Familien sonst so prägt. Das Ganze geschieht im Rahmen des Projekts „Birthday Club“. Dieser soll es Kindern auf der Flucht ermöglichen, trotz mitunter miserabler Zustände einen „ganz normalen“ Geburtstag feiern zu können.
*Namen geändert

 

 

 

 

 

Dann erzählt er uns seine Geschichte…

Wir sind zurück in Kalochori, in der Nähe von dem Camp, in dem wir im Herbst halfen. Das Camp ist inzwischen geräumt und die Menschen in Wohnungen oder Hotels untergebracht, wo sie auf ihre Umsiedlung in ein anderes Land warten. Doch vorher müssen sie 3 Interviewtermine wahrnehmen, in denen sie nach allem gefragt werden – sogar, was ihr Lieblingsessen ist. Viele warten seit über einem Jahr auf die Nachricht, dass sie relocated werden. Innerhalb von einer Woche müssen sie dann meist nach Athen, von wo aus sie in ein anderes Land geschickt werden. Währenddessen warten die illegalisierten Menschen in verwitterten Ruinen auf Möglichkeiten, irgendwie weiter zu kommen. Werden sie erwischt, wird ihnen alles abgenommen und sie werden zurück geschickt. Bei den Räumungen der Spots, an denen sich die obdachlosen Flüchtenden sammeln, werden auch viele verhaftet.

Ein Flüchtender zeigt uns Bilder aus dem Winter, als noch viele Menschen in Camps untergebracht waren. Eine 10cm dicke Schneedecke liegt auf den Zelten, die teilweise draußen stehen und kaum wasserdicht sind. Dann erzählt er uns seine Geschichte. Der IS hat 2014 sein gesamtes Dorf gefangen genommen. Er sah, wie Babys, Mütter, Schwangere und Alte ermordet wurden. Er war sich sicher, er würde auch sterben. Tagelang haben die Gefangenen nur eine Scheibe Brot am Tag und ein Glas Wasser zu essen und trinken bekommen. Als ich frage, ob sie ihm weh getan hatten, antwortete er nur: „Oh ja.“ Der IS erzählte seiner Freundin, er sei tot. Doch er floh, versteckte sich tagelang in einem Hühnerstall, wanderte ohne Nahrung oder Wasser durch verlassenes Gebirge, bis er schließlich die Grenze erreichte. Doch seine Freundin hat inzwischen geheiratet und es nach Deutschland geschafft. Kurz danach starben seine Eltern. Um seinen Vater vor dem Krebs zu retten und sich die Chemotherapie leisten zu können, verkaufte er all sein Hab und Gut. So verlor er alles, was er hatte. Mit einem angedeuteten Schmunzeln zeigt er auf seine seit der Gefangenschaft dünnen Arme und meint: „Sogar die Muskeln nahmen sie mir“. Trotzdem lacht er viel und wirkt glücklich. Ich frage ihn, ob er seine Geschichte manchmal vergessen kann. Er verneint es. Nach all dem, was er erlebt hat, glaub er auch nicht mehr an Gott. Aber er ist stark, sagt er. Heute ist er selbst Freiwilliger, übersetzt und organisiert Geburtstagspartys für Kinder auf der Flucht. Doch auch er wartet seit über einem Jahr auf seine Relocation. Bald hat er seinen letzten Interviewtermin, bei dem er erfahren wird, in welches Land er geschickt wird.

„Für das Recht zu kommen, zu gehen und zu bleiben!“ Demonstration in Potsdam, 18.3.17

Vielen Dank auch von unserer Seite an euch gut 400 Menschen die an der Demo am Samstag teilgenommen haben, besonders auch an die OrganisatorInnen und RednerInnen! Wer im Bündnis zu dem Thema mitarbeiten möchte, sei an die Einladung zum nächsten Treffen am 2.4., 18 Uhr im Rechenzentrum (Dortustraße 46) erinnert.

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