Schlauchbootmüll

Unsere 1. Aufgabe wird es sein, den eigentlich wunderschönen Strand und die angrenzende mit Olivenbäumen bestückte Wiese, die auch zum besetzten Gelände gehören, vom Müll zu befreien. Wir schnappen uns Müllsäcke und Handschuhe und gemeinsam mit ein paar motivierten Flüchtenden reinigen wir das Gelände. Dabei stoßen wir auf unzählige Teile ehemaliger Schlauchboote, die überall verstreut liegen. Dazu finden wir Rettungswesten, zerfetzte Kleidungsstücke, einzelne Schuhe, Essensverpackungen und viel mehr. Einige Überreste müssen schon sehr lange am Strand liegen, denn in den Unmengen an Müll sammeln sich auch viele Würmer und andere Insekten. Es wird einige Tage dauern, bis der ganze Müll und die vielen zerstückelten Schlauchboote in Säcken verpackt an der Straße stehen, wo sie von der Müllabfuhr abgeholt werden können. Wir sind motiviert und bauen zusätzlich mit anderen helfenden Händen Mülleimer und malen Schilder auf Englisch, Farsi und Arabisch, die dazu aufrufen, diese auch zu benutzen. Sonntags und bei schönem Wetter kommen hier nun wieder gerne viele Menschen, darunter Familien und Kinder, zusammen. Entgegen der Prophezeiung der alteingesessenen Freiwilligen bleibt das Gelände sauber, was das Wohlbefinden im Squat erhöht und für allgemeine Freude sorgt.

NBK

Anders als erwartet kümmert sich No Border Kitchen (NBK) nicht (nur) um die Nahrungsversorgung an Flüchtende auf Lesbos, sondern übernimmt auch viele weitere, zwingend notwendige Aufgaben.

Auf dem Gelände, auf dem wir wohnen, befindet sich ein Social Centre. Hier gibt es eine Küche, in der die NGO Swisscross das Mittagessen für die Menschen zubereitet. Zur Essensverteilung kommen neben den Bewohner_innen der Squats auch Menschen aus dem benachbarten Familiencamp Kara Tepe zum gemeinsamem Speisen. Das Abendessen bereitet ein kleines Kochteam von NBK ein paar Kilometer weiter, im sogenannten Bluehouse, zu. Darüber hinaus werden Foodboxen, also Kisten mit Obst, Gemüse, Brot, Müsli Klopapier (je nach dem, was gespendet wurde) zusammengepackt. Diese werden an andere Squats, die keine eigene Küche haben und sich nicht selber versorgen können, Obdachlose und Roma auf der Insel verteilt.

Außerdem verfügt der NBK-Squat über einen kleinen Storage voller Klamotten und anderen Sachspenden. Täglich kommen Menschen hier her, um passende Kleidungsstücke zu finden oder sich Werkzeuge, Reinigungsmittel, Zucker, Chai, Binden etc. zu nehmen. Trotz des riesigen Warehouses Attica, welches nicht weit entfernt vom Squat entfernt ist, benötigt das Social Center mehr Spenden, um den Großteil der Menschen hier mit dem Nötigsten zu versorgen.

Regelmäßig kommen auch Ärzt_innen in das Social Center, doch die Bedingungen unter denen sie arbeiten erinnern kaum an die uns bekannten sterilen Behandlungszimmer. Viele Menschen müssten in Krankenhäuser gebracht werden, doch sie haben Angst, dass eine professionellere ärztliche Behandlung zu Abschiebungen führen kann. So leben viele mit ihren Verletzungen und Krankheiten ohne angemessene ärztliche Fürsorge. Der Behandlungsraum ist gleichzeitig auch die Schule im Squat, doch fehlt es an Helfenden, die Unterricht anbieten.

UPDATE: NBK ist momentan in großen Schwierigkeiten. Die polizeiliche Repression nimmt unglaubliche Ausmaße an und es mangelt an helfenden Händen. Genaueres unter:

https://noborderkitchenlesvos.noblogs.org/

Inselrealität

Umgeben von reichen Urlauber_innen fahren wir mit der Fähre von Athen nach Lesbos. Wir fühlen uns fremd und unwohl. Trotz Bilder und Erfahrungsberichten können wir uns nicht wirklich ausmalen, was auf dieser Insel auf uns zukommen wird. Noch viel weniger können wir uns vorstellen wie es sich richtig anfühlen kann, Urlaub auf einer Insel zu machen, auf der Tausende von Flüchtende unter miserablen Zuständen seit Monaten, einige seit über einem Jahr, festsitzen. Insgesamt sind auf den Ägäischen Inseln über 15.000 Flüchtende gefangen. (Quelle: Pro Asyl)

Etwa 12 Stunden dauert die Überfahrt von Athen und als wir ankommen, sehen wir in naher Entfernung schon die die Türkei. Doch zunächst springt uns das Frontex-Schiff mit der Aufschrift „BORDER PROTECTION“ ins Auge. Ein netter Name für das, was sie tun, wie Menschen in überfüllten Schlauchbooten am Anlegen zu hindern.

Als wir auf den Bus zur No Border Kitchen warten, treffen wir einen Flüchtenden, der für seinen 1. Interviewtermin ins Moria-Camp fährt. Leben möchte und kann er dort nicht, die Bedingungen sind so schrecklich, dass er es nicht aushält. In unserem Bus sitzen nur Flüchtende – Griech_innen nehmen andere Buslinien.

Als wir aussteigen und den NoBorder-Squat sehen, können wir es kaum glauben.

Etwas aufgeregt und ein wenig stolz zeigt uns einer der Helfenden, der seit knapp einem Jahr dort lebt, das Gelände, das aus 2 großen und einer etwas kleinere Ruine besteht. Nur eine kleine Olivenbaumplantage trennt den Squat vom Meer. Etwa 100 Flüchtende und einige Europäer_innen leben hier und im ersten Moment fühlen wir uns sehr unwohl mit der Vorstellung, dass das auch erstmal unser Zuhause sein wird. Wir schlafen mit 6 anderen in einem kleinen muffigen Container auf dem Dach des Hauptgebäudes. Je nach Herkunftsland teilen sich die Flüchtenden die Gebäude untereinander auf. Anfangs sind wir geschockt von den Umständen und der Tatsache, dass nur Männer* hier leben. Wir haben auch ein bisschen Angst. Doch schon ein paar Stunden später ist der erste Schock verdaut und wir haben uns schnell an die Umstände gewöhnt.

Es fühlt sich falsch an, dass die Flüchtenden hier wie in einem Gefängnis festsitzen und wir jederzeit den Squat und die Insel verlassen können. Wenn die Flüchtenden versuchen, die Fähre zu nehmen, kommen sie zunächst ins Gefängnis des Moria-Camps. Ein Flüchtender zeigt mir seine Narben von den Misshandlungen der griechischen Polizei, die zu fünft auf ihn einschlugen und -traten und ihm dort Brust und Bein brachen. Anschließend werden sie in die Türkei abgeschoben, wo sie für etwa 1 Jahr inhaftiert werden, bis sie in ihre Heimatländer deportiert werden. Wenn sie beispielsweise aus Marokko kommen, werden sie auch dort nochmal für 2 Jahre ins Gefängnis gesteckt. Ein Marokkaner zeigt bei einem Gespräch weitere Narben. Die Polizei hat brennende Zigaretten auf seinen Armen ausgedrückt. Als er sich weigerte, sich Handschellen anlegen zu lassen, versuchten sie ihm die Hände abzuschneiden. Unfassbar und kein Einzelfall. „Sie hätten ihr Heimatland ja nicht verlassen und später nicht versuchen müssen, eine Fähre zu betreten…!“ Flüchtende aus Marocco und Algerien haben keine Chance auf Asyl in Europa.  Und sogar Menschen aus dem von Taliban terrorisierten Afghanistan wird kaum noch kein Bleiberecht gewährt. Ihnen bleibt nur, den illegalisierten Weg mit großen Risiken zu versuchen oder viele Monate lang auf ihre Abschiebung zu warten.

zur Situation in Afghanistan: Afghanistan ist nicht sicher!

Birthday Club

Wir stehen in einer kleinen Bäckerei in Kalochori und suchen eine Torte für die 10-jährige Lavrin* aus, die heute Geburtstag hat. Anschließend kaufen wir ihr noch ein Geschenk, bevor wir dann als Clown, Tweety und Schlumpfine verkleidet, mit weiteren Kostümen für die Kinder im Gepäck, an die Tür klopfen. 7 Kinder kommen uns aufgereget entgegen gerannt und gemeinsam feiern wir mit Luftschlangen, Luftballons, Twister und Prinz_essinenkronen Geburtstag. Die meisten der ebenfalls heute anwesenden Kinder kennen sich noch aus dem ehemaligen Camp Kalochori, andere aus der neuen bzw. vorrübergehenden Nachbarschaft. Kein Kind wird vergessen und jede_r von ihnen bekommt eine kleine Geburtstagsüberraschung. Es sind viele Gäste da und auch die Erwachsenen schnappen sich schüchtern einige Kostüme und haben Spaß. Ein geflüchteter Freiwilliger übersetzt und gemeinsam verbringen wir einen lustigen Nachmittag fernab vom ewigen Warten aufs Weiterkommen, das den Alltag der Familien sonst so prägt. Das Ganze geschieht im Rahmen des Projekts „Birthday Club“. Dieser soll es Kindern auf der Flucht ermöglichen, trotz mitunter miserabler Zustände einen „ganz normalen“ Geburtstag feiern zu können.
*Namen geändert

Dann erzählt er uns seine Geschichte…

Wir sind zurück in Kalochori, in der Nähe von dem Camp, in dem wir im Herbst halfen. Das Camp ist inzwischen geräumt und die Menschen in Wohnungen oder Hotels untergebracht, wo sie auf ihre Umsiedlung in ein anderes Land warten. Doch vorher müssen sie 3 Interviewtermine wahrnehmen, in denen sie nach allem gefragt werden – sogar, was ihr Lieblingsessen ist. Viele warten seit über einem Jahr auf die Nachricht, dass sie relocated werden. Innerhalb von einer Woche müssen sie dann meist nach Athen, von wo aus sie in ein anderes Land geschickt werden. Währenddessen warten die illegalisierten Menschen in verwitterten Ruinen auf Möglichkeiten, irgendwie weiter zu kommen. Werden sie erwischt, wird ihnen alles abgenommen und sie werden zurück geschickt. Bei den Räumungen der Spots, an denen sich die obdachlosen Flüchtenden sammeln, werden auch viele verhaftet.

Ein Flüchtender zeigt uns Bilder aus dem Winter, als noch viele Menschen in Camps untergebracht waren. Eine 10cm dicke Schneedecke liegt auf den Zelten, die teilweise draußen stehen und kaum wasserdicht sind. Dann erzählt er uns seine Geschichte. Der IS hat 2014 sein gesamtes Dorf gefangen genommen. Er sah, wie Babys, Mütter, Schwangere und Alte ermordet wurden. Er war sich sicher, er würde auch sterben. Tagelang haben die Gefangenen nur eine Scheibe Brot am Tag und ein Glas Wasser zu essen und trinken bekommen. Als ich frage, ob sie ihm weh getan hatten, antwortete er nur: „Oh ja.“ Der IS erzählte seiner Freundin, er sei tot. Doch er floh, versteckte sich tagelang in einem Hühnerstall, wanderte ohne Nahrung oder Wasser durch verlassenes Gebirge, bis er schließlich die Grenze erreichte. Doch seine Freundin hat inzwischen geheiratet und es nach Deutschland geschafft. Kurz danach starben seine Eltern. Um seinen Vater vor dem Krebs zu retten und sich die Chemotherapie leisten zu können, verkaufte er all sein Hab und Gut. So verlor er alles, was er hatte. Mit einem angedeuteten Schmunzeln zeigt er auf seine seit der Gefangenschaft dünnen Arme und meint: „Sogar die Muskeln nahmen sie mir“. Trotzdem lacht er viel und wirkt glücklich. Ich frage ihn, ob er seine Geschichte manchmal vergessen kann. Er verneint es. Nach all dem, was er erlebt hat, glaub er auch nicht mehr an Gott. Aber er ist stark, sagt er. Heute ist er selbst Freiwilliger, übersetzt und organisiert Geburtstagspartys für Kinder auf der Flucht. Doch auch er wartet seit über einem Jahr auf seine Relocation. Bald hat er seinen letzten Interviewtermin, bei dem er erfahren wird, in welches Land er geschickt wird.

Die „Soul Food Kitchen“ in Thessaloniki

Wir stehen vor der Soul Food Kitchen in der Sonne an großen Edelstahltischen und schnippeln große Mengen Gemüse. Die Soul Food Kitchen ist eine unabhängige Küche, in der für obdachlose Geflüchtete und Griech_innen in Thessaloniki gekocht wird. Wir blicken auf alte Industriebrache außerhalb der Stadt. Das Gelände, auf dem auch die Soul Food Kitchen ist, wird für verschiedene Projekte genutzt: Darunter das Büro von „help refugees“, eine Gemüseverteilung und der größte Teil ist das „Warehouse“, eine große Lagerhalle voll mit Spenden, die sortiert und von hier aus verteilt werden.

Mit uns in der Sonne am Edelstahltisch, Hygienehandschuhe an allen Händen: Freiwillige aus verschiedenen Ländern, verschiedenen Alters. Internationale Musik, Geräusche von Besteck und großem Geschirr, Gespräche über Politik, das Essen, die verschiedenen Motivationen und Wege, wie die einzelnen Freiwilligen zur Soul Food Kitchen gefunden haben. Wir treffen Leute aus Serbien, Spanien, USA, Groß Britannien, Frankreich und Deutschland. Niemand wird dafür bezahlt, manche sind durch Organisationen hier, andere unabhängige Freiwillige. Einige waren schon im letzten Jahr in den Geflüchteten-Camps um Thessaloniki aktiv und sind jetzt wieder hier. Viele der Camps sind mittlerweile geräumt, die Struktur aus Initiativen und Volunteers besteht weiterhin. Denn viele Geflüchtete sind weiterhin in Thessaloniki. Manche in Wohnungen, viele auf der Straße und in den Spots, wie einer großen Bauruine und einem kleinen Park, zu der die Soul Food Kitchen jeden Tag zwei Mahlzeiten, mindestens eine warme, liefert. In der Zeit, (die uns viel zu kurz vorkommt!) die wir in der Soul Food Kitchen helfen, werden jeden Tag insgesamt zwischen 200-300 Essen gekocht und verteilt. Wie viel je gekocht wird, ist abhängig von den Ereignissen in der Stadt und der Kommunikation mit den Menschen vor Ort. Zum Teil gibt es Ansprechpartner_innen an den einzelnen Spots, die viel über die Situation wissen und uns sagen können, wie viel Essen in den nächsten Tagen gebraucht werden. An einem Tag bleibt viel Essen übrig. Die sonst sehr gute, herzliche und offene Stimmung ist bedrückt: Ein verlassenes Gebäude, in dem Geflüchtet leben, wurde wieder geräumt, an einem anderen Spot, zu dem auch Essen gebracht wird, gab es einen weiteren Polizeieinsatz. Wenn das passiert, trauen sich nur wenige Menschen zur Essensausgabe. Bei der Auslieferung rechnen die Freiwilligen immer mit einem Gespräch mit der Polizei. Die Aktivität der Soul Food Kitchen ist geduldet, aber scheinbar nicht unbedingt gewünscht.

Auch wenn der Koordinator der Soul Food Kitchen der Ursprungslegende nach mit 20 Euro nach Griechenland gekommen ist und die Küche von Null aufbaute, ist alles sehr organisiert und professionell. Auf Hygiene und Sauberkeit wird großen Wert gelegt. Desinfektion, Gummihandschuh, Desinfektion! Jedes Essen wird von einer Person koordiniert. Zur Ausgabe kommen meistens insgesamt 4 Leute im Transporter mit: Zwei Fahrer_innen – während wir da sind, sind sie von der catalanischen Fahrer_innen-Organisation „Erec“ – und zwei Leute, die das Essen ausgeben. Eine Person steht vor dem Transporter, fragt die Menschen, wie viel sie wollen, die zweite Person gibt das Essen raus. Außer der Mahlzeit, die in einzelnen Alu-Einweg-Schalen ausgegeben wird, werden Wasserflaschen und Kekse verteilt. Viele sind dankbar und manchmal gespannt, welches Essen es dieses Mal gibt. Die Leute, die zum Transporter kommen sind meist geflüchtete Männer*, die aus Ländern kommen, die nicht in die Camps gelassen werden, beziehungsweise sich nicht registrieren lassen können oder wollen, weil sie sonst abgeschoben werden. Und auch Kinder einer Roma-Familie und ältere Griech_innen sind dabei. Viele sind den Freiwilligen bekannt und es gibt kurze Gespräche während der Ausgabe in gebrochenem Griechisch oder Englisch. Einer der griechischen Obdachlosen freut sich, dass zwei Freiwillige bemerken, dass er sich den Bart und die Haare geschnitten hat. Die Geflüchteten gehen an dem Tag eher wortlos mit dem Essen davon und setzen sich wieder in die Sonne neben der Bauruine. In der Nacht war die Räumung und die Stimmung ist noch angespannt.

Wieder in der Soul Food Kitchen treffen wir den Koordinator. Er ist fertig und müde vom Tag und sagt uns „I just want to get drunk.“ (Ich möchte einfach nur betrunken sein.) Wir verstehen ihn und sagen ihm, dass er es dann doch machen soll. Er entgegnet, dass er es nicht kann, weil er zu viel Verantwortung für die Soul Food Kitchen hat. Er lebt gerade nur für dieses Projekt und gibt seine ganze Energie dafür. Ihn braucht es, genauso wie die vielen Freiwilligen, die in der Soul Food Kitchen und anderen Projekten willkommen sind.

 

Artikel der Huffington Post über SFK & Co

„Für das Recht zu kommen, zu gehen und zu bleiben!“ Demonstration in Potsdam, 18.3.17

Vielen Dank auch von unserer Seite an euch gut 400 Menschen die an der Demo am Samstag teilgenommen haben, besonders auch an die OrganisatorInnen und RednerInnen! Wer im Bündnis zu dem Thema mitarbeiten möchte, sei an die Einladung zum nächsten Treffen am 2.4., 18 Uhr im Rechenzentrum (Dortustraße 46) erinnert.

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Übergabe der Relocation-Petition

Am 1. März übergaben wir gemeinsam mit der Osnabrücker Initiative „50 aus Idomeni“, Vertreter*innen von Pro Asyl, Borderline Europe und Campact sowie Aktiven aus verschiedenen Berliner Gruppen die Relocation-Petition Herrn Thiermann vom Bundesinnenministerium. Fast 47.000 Unterschriften liegen nun hoffentlich sichtbar gestapelt auf dem Schreibtisch von Thomas de Maizière. Der Übergabe war ein Pressegespräch vorausgegangen.

Insgesamt eine gelungene Aktion, auch wenn der Vertreter des Ministeriums seine Einladung zu einer anschließenden Diskussion erst während der Übergabe absagte.

Der Redebeitrag von Lea:

Ich spreche im Namen der Initiative Potsdam-Konvoi. Wir sind Ehrenamtliche Potsdamerinnen und Potsdamer, die sich für Solidarität mit Flüchtenden in europäischen Krisengebieten einsetzen. Seit Beginn unserer Arbeit sind wir Zeuginnen und Zeugen einer humanitären Katastrophe, die sich rasant in einem Ausmaß verschlimmert, so dass es uns schwer fällt sie zu beschreiben. Und damit ist nicht nur die Situation vor Ort gemeint, denn im direkten Zusammenhang dazu stehen die Reaktionen und Institutionen der Europäischen Länder. Wir schämen uns für diese Ignoranz und die Abschottungspolitik der EU.

Allein in Nordgriechenland leben immer noch rund 60.000 Menschen, die sich auf der Flucht befinden. Davon sind die Hälfte, also ca. 30.000 Menschen, Neugeborene und Kinder (unter 15 Jahren). Die meisten der sogenannten Militärzeltcamps rund um Thessaloniki, in denen wir in der warmen Jahreszeit arbeiteten, sind nach dem furchtbaren Kälteeinbruch langsam evakuiert worden. So sind viele Familien jetzt zwar in festen Gebäuden untergebracht, doch nach knapp 12 Monaten Leben im Zeltlager sollte das eine Selbstverständlichkeit sein und mindert nur kaum den Frust, dass sie alle immer noch nicht wissen, wann und wie es endlich weiter geht.

Und die anderen? Vor allem auf den griechischen Inseln leben die Menschen immer noch bei Kälte in unbeheizten Zelten. Tausende weitere sind obdachlos und ohne jegliche Versorgung, lediglich von Freiwilligen und NGOs unterstützt. Darunter viele Familien mit kleinen Kindern und Alleinreisende, hauptsächlich aus Afghanistan, Pakistan und dem Irak, verstecken sich aus Angst vor der Abschiebung.

Allgemein anerkannte Menschenrechte scheinen außer Kraft gesetzt zu sein, denn die Bedingungen sind die einer Notsituation. Doch eine Notsituation ist das nach 12 Monaten oder länger längst nicht mehr!

Wir haben beobachtet, wie kleine Kinder Barfuß durch Pfützen sprangen und neben Dixitoiletten auf Asphalt spielten, während wir schon unsere warme Kleidung trugen.

Wir waren dabei, wie Zelte unter Wasser standen, in denen gerade zwei Neugeborene in diese Welt gekommen sind.

Wir wurden von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen nach Schulbildung gefragt und wurden immer aufs neue mit Enttäuschung und Traurigkeit angesehen, als wir verneinen mussten.

Wir haben gesehen, wie Menschen auf Lesbos in zugeschneiten Zelten schlafen müssen.

Wir haben Brennende Mülltonnen als Alltäglichkeit, und Wände gesehen, die aus Frust eingeschlagen wurden.

Uns wurden Bilder gezeigt, von toten Kindern vor einem griechischen Lager. Die Empörung danach, haben wir von allen Seiten gespürt.

Wir hörten von Kältetoden, während wir uns die Hände an einem Heizstrahler wärmen konnten.

Wir haben Müttern zugehört, die seit 4 Jahren ihre Kinder nur auf dem Foto sehen können.

Viele Menschen erzählten uns, dass sie lieber im Krieg gestorben wären, als diese Situation auszuhalten.

Wir fragen uns: Was spricht dagegen, Strukturen und Plätze in unserem Land zu nutzen und in Not geratenen Menschen eine Chance auf ein Leben in Sicherheit und Würde zu geben?

Was spricht dagegen ihre Kultur und Arbeitskraft als eine enorme Bereicherung und Chance für die Entwicklung in unserem Land zu verstehen?

Die Stadtverordneten der Stadt Potsdam fassten auf Antrag unser Initiative Potsdam-Konvoi einen Beschluss, in dem sie die Bundesregierung auffordern, das Relocation-Programm endlich umzusetzen. Neun weitere deutsche Städte, mit denen wir zusammenarbeiten, engagieren sich ebenfalls in dieser Hinsicht. Doch das reicht uns nicht!

Erneut möchten wir hier ein deutliches Signal direkt an die Bundesregierung senden. Wir sind mit unserer Geduld am Ende, denn wir sehen immer wieder die Folgen einer ignoranten, menschenrechtsverletzenden Abschottungspolitik, indem wir wundervolle Menschen kennenlernen, die trotz aller Stärke verzweifelt sind und deren Hoffnung, ihre schreckliche Situation könne sich bald verbessern, immer weniger wird.

Wir können rechnen! Fast 47.000 Menschen können es. Bei dem schleppenden Tempo der Aufnahmen müsste der letzte Mensch bis Februar 2019 warten. Versprochen war bis September 2017!

Was ist mit unserer Demokratie? Wir wählten unsere Vertreter, sie fassen Beschlüsse und missbrauchen unser Vertrauen, indem sie diese nicht umsetzen.

Unsere Mahnung richtet sich an die Bundesregierung: Hören Sie endlich auf weiter die Trägheit der anderen europäischen Länder bei der Umsetzung des Relocation-Programms vor zu schieben. Bleiben Sie bei ihrem Beschluss und zeigen Sie, dass Demokratie und Menschenrechte bei uns zählen! Lassen Sie als Regierende des reichsten Landes Europas, Griechenland und Italien mit der Versorgung Zehntausender Menschen nicht weiterhin allein!

Wir können nicht länger zusehen, wie die Regierung die Augen zu macht, sich in der Mitte Europas hinter den geschlossenen Grenzen der anderen Versteckt und Menschen nicht mehr als Menschen, sondern nur noch als Zahlen und lästige Eindringlinge sieht.

Wir können nicht zulassen, wie Solidarität mehr und mehr zu rassistischer Angst gewandelt wird.

Es muss etwas passieren. Es muss jetzt etwas passieren.

Wir warten auf eine Antwort auf unsere Frage: Wie konkret wird das Relocation-Programm bis zum September 2017 umgesetzt?

Staub, Tanz und Fremdenhass

Ich halte mir meinen Pullover vor den Mund, als erneut ein Lastwagen vorbei fährt. Der Boden ist trocken und der Staub macht das Atmen schwer. Ein paar Schritte weiter sehe ich große Müllberge und mehrere Straßenhunde. Die einzigen Häuser sind verlassene oder noch benutzte Fabrikgebäude. Hier gibt es keine Wohnungen. Wer würde hier auch wohnen wollen? „Staub, Tanz und Fremdenhass“ weiterlesen